„Party in Kevins Room“ oder „Wie viele Studenten passen auf 20m²?“

Dienstag, 19.01.2016, 21:00 Uhr. Wir treffen uns, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Lapplandreise zu diskutieren. Die Frage, die es zunächst zu klären gilt ist: Wollen wir mit dem vorgefertigten Programm von ESN reisen oder organisieren wir uns selbst? Nach einer kurzen Internetrecherche bezüglich Zeiten und Kosten sind wir uns ziemlich einig: das machen wir lieber selbst (das ESN Basispaket kostet 315€ und umfasst eigentlich nur Transport und Unterbringung, jegliche Aktivität sowie Verpflegung kosten extra). Tereza kennt einen Finnen, der mehrmals in Lappland war und uns eventuell bei der Planung helfen kann und verspricht diesen in den kommenden Tagen zu kontaktieren.

Nachdem wir uns einig sind gehen wir rüber ins G-Gebäude, wo im Apartment eines gewissen Kevin eine Party stattfinden soll, nachdem man aus dem common kitchen von der Security rausgeschmissen wurde (Öffnungzeiten nur bis 22 Uhr). Man hört die Party schon von weitem, es klingt nach einer großen Menschenmenge und entpuppt sich auch als solche. Kevins Zimmer hat vermutlich die gleichen Abmessungen wie meins, ich hätte nicht gedacht, dass 40-60 Leute darin Platz finden würden (ich hätte es aber ehrlich gesagt auch nicht ausprobiert). Irgendwo im Zimmer versucht eine kleine Bluetooth-Box verzweifelt gegen das Gebrabbel der internationalen Menschenmenge anzukommen, hin und wieder kann man vertraut klingende Musikschnipsel erahnen. Das Bett wurde auf die Kopfseite gekippt und lehnt an der Wand, jegliches weitere Mobiliar ist über und über mit Behältnissen voll alkoholhaltiger Flüssigkeiten bedeckt. Die Luft erinnert an ein Tropenhaus, denn die Zimmer haben keine vernünftigen Belüftungsmöglichkeiten, die Fenster lassen sich nicht öffnen. Zusammengefasst: es ist laut und stickig, aber auch nett, da man quasi ununterbrochen in Gespräche verwickelt ist, die mit Händen und Füßen ausgetragen werden, da man aufgrund des hohen Lärmpegels mit gebrochenem Englisch oft nicht mehr weiterkommt. Um Mitternacht wird Simones Geburtstag gefeiert, es werden Geburtstagslieder gesungen und auf das Geburtstagkind angestoßen. Anschließend unterhalte ich mich mit Matt aus Tschechien und klage ihm mein Leid über meine nutzlose, da schlecht ausgestattete Küche. Er gibt mir den Tipp, mal einen Ausflug in den Second-Hand-Laden, finnisch Kirppis, zu unternehmen, dort gäbe es quasi alles. Ich nehme es mir für den nächsten Tag vor. Die Party löst sich gegen 2 Uhr auf, wer möchte geht los um einen der letzten Busse ins city centre zu erwischen und dort weiter zu feiern. Ich passe und gehe ins Bett.

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Sonntags in der Sauna

Sonntag, 17.01.2016. Ich faulenze. Martin schreibt in der Facebookgruppe, dass er das gute Wetter nutzen und Skifahren will. Ich bin neidisch. Ich habe mich bereits informiert, ob man Skier leihen kann, aber dies über einen privaten Anbieter zu machen kostet 20€ pro Tag und der Unisport hat Leihskier noch nichts ins Programm aufgenommen, weil scheinbar für finnische Verhältnisse zu wenig Schnee liegt. Aha. Wie wohl viel Schnee in Finnland aussieht? Jedenfalls bin ich zu geizig die Wucherpreise zu zahlen, also muss ich auf mehr Schnee warten.

Irgendetwas muss ich aber heute auch noch machen. Die Jungs verabreden sich auf 16 Uhr um irgendein Juventus-Spiel zu gucken, ich bin nicht interessiert. Stattdessen verabrede ich mich mit Ingrid und Tereza zum Schwimmen. Es ist ein öffentliches Hallenbad mit Pool und Sauna und die Tageskarte kostet 3,30€. Klingt gut. Ich verabrede mich mit Ingrid, die ich an der Bushaltestelle getroffen habe, am Pool und gehe in die Umkleide. Das Treffen findet nicht statt, ich werde Opfer einer merkwürdigen finnischen Hausregel: NO SHORTS! Das zurate gezogene Internet spuckt irgendwelche Hygienegründe aus. Meine letzte nicht-Short-Badehose habe ich glaube ich in der 5. Klasse abgelegt. Also kein Durchkommen, das Schwimmen fällt aus. Ich gehe zurück in die Umkleide, ziehe meine Shorts wieder aus und gehe direkt in die Sauna. Nackt komme ich immerhin weiter. Die Saunen gehören zur Umkleide wie in Deutschland die Duschen, demnach herrscht Geschlechtertrennung. Es gibt eine milde und eine heiße Sauna. Ich wähle die heiße.

Drinnen ist es dunkel und voll. Der Raum ist komplett mit blauen Fliesen verkleidet, nur die Sitzgelegenheiten sind aus Holz, damit man sich nicht den Arsch verbrennt. Zwei der Finnen unterhalten sich, der Rest sitzt, schweigt und schwitzt. Im Raum stehen zwei große blaue Eimer, gefüllt mit einer Flüssigkeit und mit einem Werkzeug versehen, das eine Art Kreuzung aus Kehrblech und Schöpfkelle zu sein scheint. Ich bewege mich auf eine der Bänke zu, man bewegt seine nackten Ärsche zur Seite, ich setze mich. Nun offenbart sich die Bedeutung der Eimer. Während ich es aus deutschen Saunen gewöhnt bin, dass man sich in regelmäßigen Abständen trifft um einen ca. 10-minütigen Aufguss mitzumachen, ist in dieser Sauna IMMER Aufgusszeit. Wer gerade findet, dass es in der Sauna zu kalt ist (es herrschen ca. 90-100°C), der schnappt sich den Eimer und schüttet so viele Kellen Wasser auf die heißen Steine, bis es ihm warm genug erscheint. Ein kleiner Spoiler: Es ist niemals warm genug. Im Abstand von 30 Sekunden wird zum Eimer gegriffen, ein endloser Strom wohlig warmer Wolken zieht durch die Sauna. Zwischendurch fühlt es sich an, als würde die Haut kochen, ich atme flach. Nach ca. 10 Minuten kann ich nicht mehr, ich verlasse die Sauna Richtung Dusche.

Nach der Dusche habe ich das (deutschsaunabedingte) Bedürfnis, mich auf eine Liege zu fläzen und 30-60 Minuten zu entspannen und zu lesen. Ich werde enttäuscht, es gibt keine Ruhezone (wenn man wieder den Vergleich zur deutschen Dusche zieht, ergibt es ja auch Sinn). Vermutlich geht man zur Entspannung schwimmen. Oder so. Da ich nicht einsehe, dass mein Aufenthalt sich an dieser Stelle erledigt hat, gehe ich um entspannen in die milde Sauna. Ich fühle mich unwohl. Außer mir sitzen hier nur bärtige Männer mit ihren sehr kleinen Kindern. Quasi Sauna-light, das Kinderparadies. Da ich aber nicht weiß, wo ich sonst hinsoll, bleibe ich sitzen, schließe die Augen und versuche mich zu entspannen. Der Erfolg ist mäßig, aber ich kühle soweit runter, dass ich mich in der Lage sehe, wieder in die heiße Sauna zu wechseln. Ich halte kürzer durch als vorhin, was aber auch daran liegen kann, dass noch mehr aufgegossen wird. Ich fühle mich wie ein Hummer. Anschließend steige ich ins Eisbad, es tut gut, aber ich kann nicht lange drinbleiben. Eine letzte Runde in der heißen Sauna, duschen, anziehen und raus aus dem Laden.

Ca. eine Stunde hat mein Aufenthalt gedauert, ich bin entspannt und meine Durchblutung ist dermaßen in Schwung gekommen, dass ich auf dem Weg zum Bus weder Handschuhe noch Mütze brauche. Apropos Bus, hier lerne ich eine weitere Besonderheit Finnlands kennen. Dass die Busse nur halten, wenn man anhaltermäßig seine Hand rausstreckt, hatte ich bereits verstanden. An dieser Bushaltestelle bin aber der einzige Fahrgast, scheinbar reagiere ich zu spät, nämlich als ich den Fahrer sehen kann. Der Bus kommt ca. 50 Meter hinter der Haltestelle zum Stehen, ich sprinte hinterher. Die Tür geht auf, ein sehr wütend aussehender Busfahrer blafft mich in einer Sprache an, die ich nicht im Ansatz verstehe. Ich bedanke und entschuldige mich, schleiche an der Fahrerkabine vorbei in den Bus, er schimpft noch, als der Bus schon wieder fährt und ich auf meinem Platz sitze. Generell scheint jeder Mitarbeiter des ÖPNV in Helsinki vom Grinch persönlich ausgebildet worden zu sein, auch meine Kommilitonen haben schon solche Hasstiraden über sich ergehen lassen müssen. Ich komme zu Hause an und mache nichts mehr.

Erkundung des Stadtzentrums

Samstag, 16.01.2016, ??:?? Uhr. Ich wache vor dem Wecker auf. Ich bin stolz auf mich, das ist lange nicht vorgekommen. Zufrieden drehe ich mich um und sehe aus dem Fenster. Die Sonne scheint. Der Wecker hat nicht geklingelt. Ich habe verschlafen. Es ist 10:37 Uhr. Fuck. Mein Handy vibriert. „Julian, where are you?“ Ich gestehe mein Versagen. Wie lange ich brauche, ob sie auf mich warten sollen? Nene, geht vor, ich komme nach, ich finde euch schon. In Windeseile bringe ich die üblichen Morgenrituale hinter mich, mein Handy vibriert. Jenna hat auch verschlafen und ist auch nur aufgewacht, weil unsere Diskussion via Facebook ihr Handy erweckt hat. Gut, immerhin nicht der einzige Trottel. Ich packe mich dick ein und mache mich auf in die Stadt.

Die Kommunikation mit der Gruppe ist schwierig, die meisten haben noch kein mobiles Internet und ohne ist der Facebook-Messenger nunmal ziemlich nutzlos. Immerhin ist Jenna erreichbar, wir treffen uns nach einiger Sucherei (es gibt mehrere Ebenen, ich warte oben, Jenna in der Metro) im Hauptbahnhof. Von Google geleitet machen wir uns auf die Suche nach den anderen. Simone hat uns einen Standort geschickt, danach herrscht aber wieder lange Funkstille. Wir fahren mit dem Bus zur Helsinki Waterfront, ich kann das Meer sehen, es ist herrlichstes (wenn auch mit -19°C sehr kaltes) Sonnenwetter. Ab hier gehen wir zu Fuß weiter. Die anderen sind nicht mehr hier. „We are taking the ferry to Suomenlinna.“ Keine zwei Minuten später: „It’s freezing, we are going back to the city centre.“ Ja was denn nun? Wir jagen einen Geist, wann auch immer wir den geschickten Standort erreichen sind die anderen schon weitergezogen, es ist zum Mäuse melken. Wir überlegen kurz, ob wir die Fähre nehmen sollen, egal ob die anderen auf der Insel sind oder nicht, verwerfen diesen Plan dann aber wieder. Ein andermal.

Ich will eine klischeehaftes Touri-Foto vor der Kathedrale, also gehen wir dorthin. Eine neue Nachricht erreicht uns: „We are at Unicafe in the city centre, having lunch. We’re going to the cathedral after that.“ Wir sind ihnen einen Schritt voraus, fantastisch. Wir beschließen uns einen Kaffee zu besorgen, unsere Finger aufzutauen und dann vor der Kathedrale zu warten. Von weitem beobachten wir ein bizarres Geschehen auf der Treppe der Kathedrale. Kleine Kinder in dicken Winterklamotten rodeln, purzeln, fallen die komplett schneebedeckten Stufen herunter. Sieht gefährlich aus… und ziemlich spaßig. Nachdem wir uns unserem Touri-Business gewidmet haben, gehen wir näher ran. Jenna überlegt, wie sie auch rodeln kann. Sie drückt mir ihre Tasche und ihr Handy mit eingeschalteter Kamera in die Hand, zieht ihre Jacke aus und klettert die Treppe hoch. 30 Sekunden später kommt sie auf ihrer Jacke sitzend die Stufen heruntergeschossen. Ich will auch.

Wir rutschen und schlittern bis die anderen erscheinen, die das natürlich auch ausprobieren wollen. Als wir alle völlig durchgefroren sind, betreten wir die Kathedrale. Ich hatte Protz und Prunk erwartet und bin überrascht, die Kirche ist sehr schlicht gehalten, nur die Orgel ist reich verziert. Mir fällt auch wieder ein warum: Es ist eine evangelische Kirche, Katholiken gibt es in Finnland nahezu keine.

Anschließend ziehen wir durch die Shoppingmöglichkeiten der Stadt, wer will versorgt sich mit mobilem Internet. Erwähnenswert ist hier aber höchstens noch, dass wir in einem Sportgeschäft Schlitten (naja, jedenfalls solche Plastikpfannen zum auf dem Arsch den Berg runterrasen) für 2,90€ finden und allesamt zuschlagen. Vielleicht verkürzt das ja den Fußweg zur Bushaltestelle? Wir kaufen Bier und Essen beim „Geheimtipp“ der Belgier und fahren zum Wohnheim. Abends treffen wir uns noch zum Spielen und Bier vernichten in der common kitchen. Es ist ziemlich voll, ziemlich viele Nationen sind zugegen, kurz: es ist ziemlich nett.

Orientation die Zweite

Freitag, 15.01.2016, 08:30 Uhr. Wir treffen uns auf dem Parkplatz, man hat sich scheinbar gestern Abend verabredet. Die Anderen sehen weitestgehend etwas übernächtigt aus, sie haben so lange im common kitchen gesessen, bis die Security-Leute kamen um abzuschließen. Ein neues Gesicht ist dabei, Tim, Chemiestudent aus Deutschland, der ebenfalls zum Kumpulan Kampus muss.

Heute steht eine Lehrstunde in IT-Zeug auf dem Programm, keiner hat Lust, es klingt, als wäre es selbsterklärend oder zumindest mit dem gestern erhaltenen short-IT-guide zu bewältigen. Aber es steht im Stundenplan, also wird es auch gemacht.

Jenni und Alex, der Tutor der Chemiker leiten uns durch das Programm. Alex ist glaube ich Kenianer und spricht mit sehr krassem Akzent englisch, es fällt schwer ihm zu folgen. Was er uns erklärt, steht aber bereits im Leitfaden aus der IT drin. Irgendwie eine sinnlose Veranstaltung. Jenni nutzt die Zeit um uns alle zu verschiedenen uni- oder ERASMUS-bezogenen Facebook-Gruppen hinzuzufügen. Holy Moses, sind wir connected. Also doch noch etwas Sinnvolles passiert. Die Präsentation endet nach ca. einer Stunde, sie war der erste und einzige Programmpunkt heute.

Die Gruppe teilt sich auf, die Jungs überlegen, sich ihre Unisport-Karte zu kaufen und direkt Fußball zu spielen. Ich passe (wie ich später erfahre, zieht keiner der anderen den Plan durch, sie sind viel zu fertig von gestern nacht und gehen direkt schlafen) und gehe in die Bibliothek, wo ich die wohl coolsten Sessel aller Zeiten finde und mich niederlasse. Ich verbringe den Rest des Tages, abgesehen von zwei kurzen Besuchen der Cafeteria und einem mystery-meat-Mittagessen (ich finde erst beim Essen heraus, dass ich Fisch vor mir habe) in der Kantine, dort und schreibe meine ersten Blogeinträge.

Abends verabreden wir uns zum Kochen, es gibt Pasta (Nudeln darf man in Gegenwart von Italienern nicht mehr sagen, wie ich in Lissabon gelernt habe) mit Bolognese. Jeder bringt mit, was er vorrätig hat bzw. worauf er großen Wert legt. Martin hat sich gestern im Suff scheinbar als „PASTA-MASTER“ bezeichnet und wird nun von Simone eines Besseren belehrt. Ein langes Fachsimpeln über Pasta-Sorten und deren korrekter Aussprache beginnt. Simone und Cyprien übernehmen das Kochen, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Dazu gibt es Bier. Die Belgier haben im Laufe des Tages einen Supermarkt aufgetan, der 0,33l-Flaschen zum Spottpreis von 73ct+10ct Pfand verkauft. Ein Feiertag.

Anschließend spielen wir zahllose Runden Jungle-Speed (ein großartiges Geschwindigkeits-/Reaktions-Spiel) und planen den nächsten Tag. Die wenigsten von uns haben bereits die Stadt erkundet, wir beschließen, dies gemeinsam anzugehen und verabreden uns für 10:30 Uhr auf dem Parkplatz.

Orientation und Welcome-Fair

Donnerstag, 14.01.16, 08:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich will nicht aufstehen, es ist stockduster und kalt. Ich ziehe die Decke über meinen Kopf und gucke auf Facebook nach, wann ich wo sein muss. Der Welcome-Fair beginnt um 10:00 Uhr, gut, dann ist ja noch Zeit… oder? Unter der Veranstaltung lese ich einen Kommentar von einer Person, die ebenfalls ein ERASMUS-Semester an der Science-Faculty verbringt: Zeitgleiche Veranstaltung der Fakultät, „not-to-miss“, Start 9:00 Uhr. Fuck. Ich springe aus dem Bett, direkt ins Bad, es ist eiskalt, hier gibt es keine Heizung, die Warmwasserrohre sollen das wohl erledigen. Die Dusche hat keinerlei Wasserdruck und wird nicht richtig warm… denke ich zumindest, habe mal wieder das System nicht verstanden. Für einen guten Start in den Tag… dann finde ich die Knöpfe, die eine Art Kinder- (bzw. Idioten-) sicherung lösen und Wasserdruck sowie wunderbar warmes, geradezu heißes Wasser in der Dusche ermöglichen. Besser. Abtrocknen, anziehen (ich habe gelernt: lange Unterhose, dicke Socken, Pullover), schnell ein Pulla runtergewürgt und mit dem Saft runtergesp…. OH MEIN GOTT. Mit Saft hat das wenig zu tun. Mit viel Phantasie vielleicht Eistee. Unfassbar süß. Mit dem Zeug könnte man Diabetiker lähmen, eventuell sogar direkt umbringen. Hälfte wegkippen, mit Wasser auffüllen, einpacken, ein Pulla für den Weg und ab zum Bus. Die Bushaltestelle im Hellen zu finden ist eine Sache von 5 Minuten, gestern habe ich für dieselbe Strecke über eine halbe Stunde gebraucht. Die Linie fährt direkt zur Uni, bzw. dem Kumpulan Kampus.

Um 9:45 Uhr betrete ich das Unigebäude und laufe einem freundlichen Tutor in die Arme, der mir weiterzuhelfen versucht. Meine Kommilitonen haben den Raum allerdings bereits verlassen und werden von einer Tutorin über das Campusgelände geführt, diese Tour habe ich demnach verpasst. Nach einigem hin und her findet mein Retter den Raum, an dem es um 10:00 Uhr weitergehen soll und setzt mich dort ab. Wenig später kommt eine kleine Gruppe verplant aussehender Menschen angeschlappt, ich bin am Ziel. Als ich sage wer ich bin, kommt eine freudestrahlende, blonde Person in einem grünen Schneeanzug mit zig aufgenähten Stoffabzeichen, ähnlich einer Pfadfinderuniform, auf mich zu und berichtet, dass man mich bereits vermisst habe und wir nun komplett seien. Ihr Anzug würde jeden Fachschaftler vor Neid erblassen lassen, keine schnöden T-Shirts, hier erkennt man die Tutoren schon von weitem. Geo trägt grün, Mathe rot, Physik gelb, usw. Sie stellt sich als Jenni Lintunen vor und wird uns den restlichen Tag durch die Stadt führen und alles Organisatorische mit uns erledigen.

Zunächst stellt sich aber unsere Ansprechperson für alle universitären Belage, Mia Kotilainen vor. Es folgt eine kurze Vorstellungsrunde der Kommilitonen, besonders viele sind wir aber nicht: Jerome und Cyprien aus dem französischsprachigen Teil Belgiens, Simone (spricht sich ßimonn und ist männlich) und Ingrid aus Italien, Martin aus Tschechien und Jenna aus Kanada. Schnell wird klar: Die werde ich in der Uni in keinem einzigen Kurs wiedersehen. 3 Geologen und 3 Löks, wenn man so will. Praktisch hingegen: wir wohnen alle (bis auf Jenna und die wohnt nicht weit weg) in der Vuolukiventie 1b. Mia erklärt uns was sich hinter welchen Kursen verbirgt, wie man sich anmeldet, welche Kurse neu dazugekommen sind und, dass es völlig in Ordnung sei, wenn wir unser Learning-Agreement mehrfach ändern. Klingt soweit gut. Die tatsächliche Kurswahl steht aber erst am nächsten Tag auf dem Programm. Uns wird eingebläut, wie wichtig aktive Kursteilnahme und wie anspruchsvoll die Exams seien.

Nachdem Mia ihren Vortrag beendet hat, ziehen wir mit Jenni los. Als wir das Gebäude verlassen, wimmert Jerome neben mir. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der so schnell friert. Obwohl wir nur knapp 100m an der frischen (zugegebenermaßen kalten) Luft sind, zieht er sich an, als müsste er den Nordpol erforschen. Jenni ist das exakte Gegenteil. Sie läuft den gesamten Tag ohne Mütze herum, für den kurzen Weg wirft sie nicht einmal ihre Jacke über.

Die erste Station ist das Gebäude des Unisports auf dem Campus. Wir bekommen die Kletterhalle, die Ballsporthalle, das Fitnessstudio und den Gruppentrainingsraum gezeigt. Natürlich darf auch die Sauna nicht fehlen, hier gibt es zwei, eine für Männer und eine für Frauen. Die Benutzung der Räume kostet für das Spring-Semester 72€, was, angesichts finnischer Preise, ein wirklich gutes Angebot zu sein scheint. Möchte man es allerdings nicht in Eigeninitiative, sondern angeleitet durch einen Trainer nutzen, kommen weitere Kurskosten auf einen zu. Na mal sehen.

Nächster Schritt: Essen. Ein kleiner Einwurf: Auf dem Campus findet gerade ein mehrtägiger Geologenkongress statt. Betritt man das Hauptgebäude trifft man auf geschäftig wirkende, meist bärtige Menschen in typischer Steineklopfer-Optik und: ein riesiges Frühstücksbuffet. Die Vermutung (bzw. der Wunsch), dass wir dort durchgeführt werden liegt also nahe. Jerome reibt sich in freudiger Erwartung die Hände, er hat das Frühstück ausfallen lassen und ist hungrig wie ein Bär. Aber weit gefehlt. Es ist 11 Uhr. Gestern war es um diese Zeit noch 10 Uhr. Wir gehen in die Mensa.

An der Tür hängt ein Menü, dass wir allerdings nicht verstehen und, nachdem wir den Betrieb ca. 5 Minuten aufgehalten haben, auch nicht mehr verstehen wollen und essen was auf den Tisch kommt. Es gibt Reis, Fisch und Tomatensoße. Finnen frühstücken scheinbar anders. Es ist ein raues Land, hier muss man sich seinen Winterspeck anfressen. Oder so. Zu trinken gibt es Lebertran, um uns für das Holzblöcke spalten mit der finnischen Fiskars-Axt zu stärken. Ach komm, glaubt ihr mir ja doch nicht. Es gibt Wasser aus dem Hahn, Milch oder eine Art Saft in einem Krug. Ich probiere den Saft (ja, ich weiß, ich bin nicht lernfähig). In meinem Kopf explodiert der Zucker, ich schmecke Farben und höre Stimmen. Scheinbar eine Art Sirup, großzügig mit Wasser zu verdünnen. Ich gehe auf Klo und pinkele einen Regenbogen.

Nach dem Essen ist die Campusführung beendet. Wir laufen zur Tram-Haltestelle und fahren ins Stadtzentrum, zum Welcome-Fair. In der Zentralbibliothek wird ein kurzer Zwischenstopp eingelegt. Sehr schick, zig Etagen in stylischem Design, dazu reservierbare Arbeitsräume, für die man einen eigenen Schlüssel bekommen kann, um auch nachts arbeiten zu können. Durch ein gläsernes Gängesystem gelangen wir über einen Lichthof zum Gebäude, in dem der Welcome-Fair stattfindet. Dieser ist wirklich gut organisiert, man kann an einem Ort alle Formalia die Uni hinter sich bringen. Es herrscht großer Andrang. Wir werden mit Geschenken begrüßt, ein Hipster-Turnbeutel in frei wählbarer Neonfarbe mit Logo der Helsingin Yliopisto (ich wähle grün), ein farblich passender Wasserschlauch (kann auch mit Lebertran oder Zuckersirup befüllt werden), ein Campus-Plan und die Bibel für den Neuankömmling, das Orientation-Handbook. Anschließend handeln wir ein 9-schrittiges Programm ab, dass aus wichtigen Tätigkeiten wie Einschreibung, Beantragung der Travel-Card, Erhalt der Nutzerkennung, Informationen u finnisch-Kursen, uvm. besteht… uuuund natürlich dem Werben verschiedener Organisationen um unser Geld. Join the student nation! Travel with ESN! Get your prepaid-mobilphone! Das volle RyanAir-Programm. Jenni lässt uns viel Zeit bei den wichtigen Dingen und versucht uns heldenhaft aus den Tentakeln der Organisationen zu befreien. Nach ca. 2 Stunden verlassen wir den Welcome-Fair, um unsere beantragte Travel-Card abzuholen.

Eine kurze Stadtführung durch die Haupt-Einkaufsstraße später stehen wir in einem beengten, unterirdischen Reisezentrum des hiesigen ÖPNV-Anbieters HSL. Leider nicht allein, wir müssen eine Nummer ziehen, ca. 30 Leute warten vor uns. Alles in allem aber ein gut organisierter, flotter Laden, ca. 15 min. später bin ich an der Reihe und leiste mir prompt einen Fehltritt: Zwar sehe ich, dass meine Nummer aufgerufen wird, finde aber nicht den entsprechenden Counter, da dessen Anzeigetafel durch eine Säule verdeckt wird. Als ich ihn schließlich finde, hat die freundliche Trollfrau hinter dem Tresen bereits die nächste Nummer aufgerufen. Ich werde bedient, aber als die Besitzerin der nächsten Nummer hinter mir erscheint, grunzt Troll-Hilda: Do you have the number 92? Sorry, you have to wait, HE (nickt abfällig in meine Richtung) was late. Ich entschuldige mich erneut und erhalte zum Preis von 26€+5€ fürs Plastik meine Monatskarte.

Anschließend trennt Jenni sich von uns, wir verlassen die Unterführung und planen unser weiteres Vorgehen. Somebody up for a drink? 7 Arme werden in die Luft gestreckt. BIER also. Martin erblickt eine tschechische Bar, die (?) Vltava und schleppt uns alle in deren Richtung. Maybe there are people, who understand me. I’ve read a guide, that you can get beer for 3 euros there. Ich bin skeptisch. Der Laden sieht fancy aus und liegt in bester Tourilage. Wir gehen rein, betrachten die Preistafel. Toller Guide. Wir bestellen trotzdem, 5 große und 2 kleine Pilsener Urquell. Who’s paying? fragt der Kellner. All of us. Das teuerste Bier meines Lebens, 8,50€ möchte dieser Wegelagerer von mir haben. Ich frage mich, ob Trinkgelder in Finnland üblich sind, niemand am Tisch gibt eins. Einige von uns zahlen mit der Kreditkarte. Aber es schmeckt, ein verdientes Feierabendpils. Unser Aufenthalt verlängert sich signifikant, da unsere Kanadierin ihr kleines Bier partout nicht leer kriegt. I’m not a beer-person. O’rly?

Nach der Kneipe trennen sich die Italiener von uns, sie wollen direkt nach Hause und der Rest der Gruppe will einkaufen. Jenni hatte uns noch mit auf den Weg gegeben, dass der PRISMA in Viikki die größte und günstigste Einkaufsmöglichkeit sei. Jenna wohnt in Viikki, weiß also wo es langgeht. Ich habe keine Ahnung, ob ich damit nicht in die komplett falsche Richtung fahre, aber wir fahren alle mit, dieser Gruppenzwang… Es stellt sich heraus, dass Viikki 20 Minuten zu Fuß von der Vuolukiventie entfernt und damit absolut kein Umweg ist, ich schätze, den Supermarkt sollte ich mir merken.

Das Einkaufen selbst ist eine völlig andere Sache. Der Laden ist riesig, die Produktnamen und -beschreibungen fast ausschließlich auf Finnisch und Schwedisch. Ich brauche lange, die anderen aber auch. Meine Vorräte erweitern sich um Nudeln, Pesto, Joghurt, Milch, Pfeffer, Chips, Müsli (ich bin kein Fan, aber es ist die einfachste Variante, morgens was in den Magen zu bekommen). Ich habe keine Einkaufsliste, kaufe, was mir gerade einfällt oder entgegenspringt. Auch ein weiterer, vermeintlicher Saft – Jussi –> Juice? – landet in meinem Korb. Ein kleiner Spoiler: Es ist kein Saft. Ich beschließe, für meinen nächsten Einkauf eine Liste zu erstellen. Für den Heimweg nutzen wir wieder den Bus, die Suche nach der Bushaltestelle dauert länger als die Fahrt selbst.

In der Vuolukiventie angekommen falle ich ins Bett. Eigentlich wollte ich noch die Gemeinschaftsküche suchen, Nudeln kochen, evtl. noch die anderen treffen, wenn’s ganz verrückt kommt noch die Welcome-Party im Tiger besuchen. Nichts davon geschieht. Schlafen.

 

Abflug

Mittwoch, 13.01.16, 05:30 Uhr. Mein Wecker reißt mich nach gefühlten 30 Minuten Schlaf zurück in die Realität. Duschen, verabschieden, für Frühstück ist keine Zeit, monströsen Rucksack aufsetzen und ab zur Bushaltestelle. Mir ist warm, ich habe bereits meinen kompletten Nordpoldress an, da nichts mehr in den Rucksack passte.

Kurz vor 7 erreiche ich den Bahnhof, im Schweinsgalopp spurte ich Richtung Tunnel als mir – plop – jemand gegen die rechte Schulter haut. Ich drehe mich um, niemand ist da. Dann zieht es mich nach links, der vermeintliche Schlag gegen die Schulter war das Zerbrechen der Schnalle am rechten Träger des Monstrums, dessen 21,5 kg Lebendgewicht nun auf meiner linken Schulter lasten. Ich fluche, halte den Träger fest und laufe weiter. Geht ja gut los. Frühstück kaufen und ab in die Bahn, bis Düsseldorf ist Ruhe. Ich flicke meinen Rucksack mit einem Knoten. Passt schon.

Pünktlich erreiche ich den Flughafen, thank you for choosing Deutsche Bahn today, take care and goodbye. Ich steige in den Skytrain, es ist voll, mein Gepäck ist schwer, mir ist warm. Die Anzeigetafel verrät mir, dass ich an Schalter 189 einchecken muss, mein Gepäck will man mir dort aber nicht abnehmen – „Sorry, aber die Seitentaschen bleiben hängen, das kommt nicht an.“ Also ab zum Sperrgepäckschalter, Nummer 100, am anderen Ende des Flughafens. Mir läuft der Schweiß in Sturzbächen den Rücken runter. Man nimmt mir den Rucksack ab, ich fühle mich leichter. Ab um Gate, ich bin viel zu früh. Ich nutze die Zeit um durch den Flughafen zu schlendern, überlege kurz, mir etwas zu essen zu kaufen, verwerfe diesen Gedanken angesichts der Preise aber sofort wieder (8€ für n popeliges Brötchen, haben die Lack gesoffen?) Mein Flug soll den Flughafen um 11:05 Uhr verlassen, das Boarding soll um 10:35 Uhr beginnen. Um 11:00 Uhr sitze ich immer noch vorm Gate, die Putztruppe ist noch nicht fertig. Die Lufthansa-Dame guckt ungeduldig Richtung Flugzeug, irgendwann beginnt sie mit dem Boarding. Ich passiere das Gate, 50m weiter kommt der Menschenstrom vor einer Metalltür wieder um erliegen, das Gateway ist noch nicht freigegeben. Das Flugzeug ist winzig, es scheinen nicht viele Leute nach Norden zu wollen.

Endlich dürfen wir an Bord, das (sehr skandinavisch aussehende) Flugbegleiter Team begrüßt uns mit einem freundlichen „hej“, ich stelle fest, dass ich einen Fensterplatz habe und lasse mich zufrieden nieder. Die zwei Plätze neben mir bleiben frei, sehr angenehmes Reisen. Generell fühlt man sich in diesem Miniflugzeug (satte 24 Sitzplatzreihen) deutlich besser aufgehoben als in der RyanAir-Maschine, mit der ich eine Woche vorher aus Lissabon zurückgeflogen bin. Niemand belästigt mich mit Gewinnspielen und Duty-Free-Shopping-Angeboten, die Strafe dafür, dass man einen günstigen Flug gebucht hat bleibt aus. Ich lese das bei der Abschiedsparty erhaltene kuriose Finnlandbuch und kichere aufgrund der darin vermittelten Bilder Finnlands. Eine Nation von stoffeligen, kaffeetrinkenden Saunagängern? Das könnte mir gefallen. Nach etwa einer Stunde löse ich mich von meiner Lektüre und sehe aus dem Fenster, unter mir erstreckt sich ein endloser weißer Teppich mit dunklen Flecken, dort wo der Wald ist. Das ist also dieser sagenumwobene „Winter“. Wenig später landen wir, fast pünktlich, in Stockholm – Arlanda.

An der Gepäckausgabe überlege ich kurz, ob ich meinen Riesenrucksack wohl einsammeln und erneut aufgeben muss, entscheide mich aber dafür, dass das Blödsinn sei und mache mich in Richtung meines Anschlussflugs auf. Ich muss mehrfach umkehren und in andere Richtungen weiterlaufen, werde auf einem Rollband fast von einem Asiaten mit einem völlig überladenen Koffertransportwagen plattgemacht und verfluche den Architekten des Flughafens. Schlussendlich finde ich aber doch mein Gate, der Anschlussflug startet pünktlich. Auf dem Flug serviert man mir einen Kaffee, ich bin gerührt. Wie auch auf dem Flug nach Lissabon, bemerke ich erst in der Luft meine Unfähigkeit, die Flugzeit richtig zu lesen. Ich verliere eine Stunde und lande um 16:30 Uhr Ortszeit in Helsinki – Vantaa. An der Gepäckausgabe ein kurzes, banges hoffen, dass alles geklappt hat und mein Rucksack mit all meinen Klamotten nicht seit Stunden in Stockholm auf dem Gepäckband seine Runden dreht, dann sehe ich ihn und suche erleichtert das Weite.

Ab diesem Moment bin ich kurz verloren. Ich sehe Schilder in einer Sprache, deren Buchstaben ich zwar lesen kann, die aber in dieser Aneinanderreihung überhaupt keinen Sinn ergeben. Ich halte mich an Piktogramme, erstmal Richtung Bahn (what Google sais – leider schafft es Google nicht, mich GPS-technisch richtig zu verorten, der blaue Kreis um meinen Standort umfasst den gesamten Flughafen, ich laufe blind). An der Bahnstation angekommen, kaufe ich ein Ticket, die Preise sind überwältigend, 12€ für ein Tagesticket, + 6€ für jeden weiteren Tag. Ich wähle die 2-Tages-Variante und hoffe, dass ich am nächsten Tag beim Welcome-Fair ein Studi-Ticket erhalte. Also auf in die Stadt, Ziel: Töölö-Towers, zur Schlüsselübergabe. Ich versuche mich auf dem Netzplan zurechtzufinden, ohne Erfolg. Keine der von Google genannten Stationen findet sich auf diesem kryptischen Meisterwerk wieder, ich versuche das System zu verstehen und scheitere. Es gibt 3 Farben, die aber scheinbar völlig zufällig über den Plan verteilt sind, das kann es also schon einmal nicht sein. Ich finde den Flughafen, der hier aber irgendwie anders heißt, hier laufen 2 Linien zusammen und trennen sich Richtung Stadt sofort wieder, in lilafarbenen, großgeschriebenen Lettern steht hier I P. Es gibt zwei Gleise, ich gebe es auf den Plan zu verstehen und wende mich an eine Passantin: „Excuse me, can you tell me if this train (ich zeige auf einen am Gleis stehenden Zug) goes in or out of the city?“  Sie guckt mich an, als wäre ich komplett bescheuert, antwortet aber freundlich: „In the city.“. „Thank you very much!“ und ab in den Zug.

Laut Google muss ich 12 Stationen fahren, habe also Zeit. Erneut sehe ich den Netzplan. Man Meise, du hast ’nen Universitätsabschluss, du wirst doch wohl einen Fahrplan lesen können, du bist Geograph verdammt noch mal! Mit fragendem Blick starre ich auf den Plan. Dann klickt’s und ich verstehe, warum mich die gute Dame so fragend angeschaut hat. Der Flughafen ist die Endstation, BEIDE Züge fahren in die Stadt. Die Linien haben keine Farben, sondern Buchstaben, die Haltestelle mit dem merkwürdigen Namen Y S U L E A P I I P K N T H R Z ist Helsinkis Hauptbahnhof, wo quasi alle Linien zusammenlaufen. Der Grund, warum ich die von Google ausgespuckten Haltestellen nicht finden kann ist, dass in Google hinter jeder Haltestelle das finnische Wort für Haltestelle – asema – sowie ein Buchstabe, der die Wortzugehörigkeit anzeigt, angeführt ist. Mein Ziel, Pasilan asema entspricht auf dem Netzplan demnach Pasila. Zufrieden mit mir selbst setze ich mich und lausche den Ansagen im Zug. Es klingt, als würde ich Loituma (wer es nicht kennt: https://www.youtube.com/watch?v=faQSs6UBDok ) in Endlosschleife hören. Angenehmerweise ist Finnland zweisprachig, die schwedischen Ansagen erschließen sich mir einigermaßen. In Pasila (schwedisch Böle) steige ich aus. Es – ist – sowasvon – kalt. Auf der Rolltreppe zerlegt es mich fast, das Metall vor der Rolltreppe hat einen mehrere Zentimeter dicken Eisüberzug. Ab hier soll es mit dem Bus weitergehen. Mein Magen knurrt, ich beschließe mir ein typisches finnisches Festmahl zu gönnen und marschiere zu Subway. Für das labbrige Sandwich darf ich 9€ abdrücken. Willkommen in Finnland.

Die Bushaltestelle ist das pure Chaos. Ich versuche, aus Google herauszubekommen, wohin ich mich orientieren muss, für Handytätigkeiten muss ich allerdings meinen rechten Handschuh ausziehen, was zu sofortigen Erfrierungen führt. Erneut suche ich die Hilfe einer Passantin. Sie versteht zwar mein englisch und will mir helfen, meine deutsche Interpretation des Namens meiner Zielhaltestelle scheint aber so weit von der richtigen Aussprache entfernt zu sein, wie nur irgendwie möglich. Mit Händen und Füßen führen wir ein bizarres Gespräch, bis es mir irgendwann gelingt ein Schlüsselwort zu nennen, was bei ihr zum sofortigen Verständnis führt – Kamppi? Ah, Kamppi! This one! Ich laufe zur beschriebenen Bushaltestelle, 18:13 Uhr soll mein Bus angeblich fahren. Um 18:09 Uhr erreiche ich die Haltestelle, die Fahrplananzeige verspricht mir einen Bus in 11 Minuten. Hierbei scheint es sich allerdings um einen sehr grob geschätzten (Wunsch-)Wert zu handeln, der Winter hat auch in Helsinki den ÖPNV fest im Griff. Die Anzeige springt vor und zurück, 7 Minuten, 6 Minuten, 9 Minuten, 8 Minuten, 7 Minuten, … Ich fühle mich wie Bill Murray in „täglich grüßt das Murmeltier“, allerdings bei muckeligen -12°C. Nach gefühlten 30 Minuten erscheint der Bus, ich fahre bis zur angegebenen Haltestelle. Wieder stehe ich auf irgendeiner Straße, ausgespuckt vom ÖPNV, komplett orientierungslos, Google positioniert mich ein einem großzügigen 2 km Radius. Na danke. Seufzend wende ich mich an den nächstbesten Passanten. „Töölö Towers?“ This way. Thanks, bye, alles klar. Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht, frage irgendwann wieder eine Passantin, sie weist mich darauf hin, dass ich DIREKT vor meinem Ziel stehe. Aha, hinein!

Drinnen ist es warm, die Rezeptionistin ist nett und spricht ein sehr klares Englisch. Wir klären die Formalien, ich zücke meine VISA-Card, zahle die Miete für den Restmonat (was ziemlich genau meiner Gesamtmiete in Münster entspricht) und bekomme einen Schlüssel zusammen mit dem Ausdruck einer Busempfehlung ausgehändigt. Wieder raus in die Kälte, ich sehe meinen Bus wegfahren und beschließe einen Zwischenstopp im kleinen Supermarkt auf der Ecke einzulegen. Es riecht köstlich, ich gehe der Zimt-Zucker-Note nach und finde verschiedene Sorten „Pulla“, zimtschneckenartige Hefegebilde, von denen sofort 3 Stück fürs Frühstück in meinem Korb landen. Ein kurzer Blick in die Getränkeabteilung bestätigt die Gerüchte, die Preise für Bierdosen beginnen bei 3€. Ich verzichte, kaufe noch Duschgel und etwas, dass ich für Fruchtsaft halte und gehe zur Kasse. Nach kurzer Wartezeit erscheint mein Bus und ich fahre stadtauswärts. An der beschriebenen Haltestelle steige ich aus (wobei ich dies in diesem Moment noch für einen Irrtum halte, da mein Ziel laut Google noch ziemlich weit weg ist) und folge den Anweisungen des Telefons in Richtung meiner Adresse.

Ich laufe durch tiefen Schnee, lange, dunkle Parkwege entlang, durch eine Plattenbausiedlung, in einen Wald. Mein Akkustand sinkt bedrohlich, bei 16% wird plötzlich der Bildschirm schwarz, das Handy meldet einen leeren Akku. Ich stehe mitten im Wald, komplett eingeschneit, ohne jegliche Orientierung, da ein Stadtplan (den ich von der Dame in den Töölö-Towers bekommen habe) einem ohne Straßenschilder auch nicht weiterhilft. Ich gehe weiter, treffe auf zwei Rentner mit Hunden, frage nach dem Weg zur Vuolukiventie. Sie verstehen nicht, ich wiederhole sicherlich 4-5 mal den Straßennamen. Irgendwann versteht einer von ihnen. This way, there you can ask somebody else. Ich klettere im Wald rum, zu einer Häuseransammlung, lande irgendwann auf einem Parkplatz, klettere über einen Schneehaufen und versinke bis zur Hüfte in einer Schneewehe, die Befreiung mit 30 Kilo Marschgepäck dürfte für den außenstehenden Betrachter extrem witzig ausgesehen haben. Dann treffe ich auf einen Menschen, der mir tatsächlich sofort weiterhelfen kann und erreiche gegen 20:30 schlussendlich meine Unterkunft für die nächsten 6 Monate. Auspacken, Wecker stellen, gute Nacht.