Erster Besuch aus Deutschland und Geburtstag in Tallinn

Mittwoch 03.02.2016, 20:00 Uhr. Ich hole Terry von der Bahnstation ab. Leider hatte ich ihr die falsche Verbindung vom Flughafen rausgesucht, sodass sie die Runde falschrum fährt und statt 20 Minuten über eine Stunde braucht.

Freitag 05.02.2016, 6:00 Uhr. Mein Geburtstag beginnt viel zu früh, die Fähre nach Tallinn legt um 8:45 Uhr am Hafen ab und wir brauchen mit dem Nahverkehr fast eine Stunde zum Pier. Auf dem Weg an Bord werden wir einer Sicherheitskontrolle unterzogen und ich werde mit tadelndem Blick angewiesen, mein Taschenmesser im Rucksack zu lassen. Mist, ich wollte mir doch an Bord einen piratenmäßigen Schwertkampf liefern. Während der Fahrt hält mich ein Geburtstagsgeschenk in Form von Video-Rätseln wach, ich füge mich brummelnd, bin aber viel zu müde um mich zu konzentrieren. Irgendwann finde ich doch noch etwas Schlaf, 2,5 Stunden nichts als Meer sehen sind verdammt einschläfernd. Die Finnen sind unbeirrbar und wach. Während ich gerade so die Augen offenhalten kann und in regelmäßigen Abständen in meine Kaffeetasse zu fallen drohe, beginnt der Finne seine Alkoholkur, das Herrengedeck zum Frühstück scheint bei vielen elementarer Bestandteil dieser Überfahrt zu sein. Dazu wird man mit seichter Live-Musik eines Gitarrenspielers berieselt.

Um 11:00 Uhr erreichen wir Tallinn. Die Menschenmasse rollt von Bord… und verschwindet. Nur ein Bruchteil der Passagiere verlässt mit uns den Hafen in Richtung der Altstadt, der Großteil scheint nur für einen Zweck hier zu sein: Alkohol kaufen und dann ab auf die Fähre zurück (die um 12:00 Uhr ablegt).

Die Altstadt von Tallinn zu erreichen dauert vom Hafen aus ca. 10 Minuten. Unterwegs kommen wir an unzähligen Supermärkten vorbei, die ausschließlich Alkohol zu verkaufen scheinen. Es ist nicht zu übersehen, was den Normalverbraucher hier hinzieht. Einmal nah der Altstadt ändert sich das Bild schlagartig: Man scheint großen Aufwand betrieben zu haben, das mittelalterlich Stadtbild zu erhalten, man fühlt sich, als wäre man in einer großen Playmobil-Ritterburg. Unsere Fähre zurück legt um 18:45 Uhr ab, um 18:15 Uhr müssen wir also zurück am Hafen sein. Das gibt uns knapp 7 Stunden Zeit um die Stadt zu erkunden.

Die Altstadt ist komplett auf Touries ausgerichtet, überall gibt es Souvenirs, alles hat ein Mittelalterthema, alles kostet Eintritt. Nach einer ersten Runde suchen wir uns ein Café und finden im Reval Café ein kööööstlichen Käsekuchen mit frischer Erdbeersoße. So gestärkt klettern wir einen Hügel hinaus um das obligatorische Tallinn-Panoramafoto zu schießen. Wieder unten ist es Zeit fürs Mittagessen, wir finden mit dem Pulcinella einen Italiener mit normalen Preisen (ungefähr Deutschlandniveau). Das Restaurant liegt im Keller und hat einen leichten Höhlencharakter, von irgendwoher seiert ein italienischer Schnulzensänger. Der Wirt ist sehr freundlich und wirft extra für uns einen Heizkörper neben dem Tisch an. Wir sind die einzigen Gäste, hier scheint gerade absolute Nebensaison zu sein, generell ist die Stadt sehr leer. Unsere Pizzen sind sehr lecker, wobei es vermutlich nicht besonders schwer ist, mich nach einem Monat des Verzichts mit einer Pizza glücklich zu machen.

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Nach dem Essen machen wir uns zu einer zweiten Runde auf… uns stellen fest, dass wir alles schon gesehen haben. Jedes Mal, wenn uns eine Straße unbekannt vorkommt und wir ein paar Meter weitergehen, bemerken wir, dass wir sie nur aus einem anderen Winkel oder einer anderen Richtung erkundet haben. Der Stadtkern ist winzig. Irgendwann geben wir das Sightseeing auf und widmen uns banaleren Themen: Alkohol. Wir suchen uns einen Alko und vergleichen Preise. Für Bier zahlt man rund die Hälfte des Preises in Helsinki, der Karton mit 24 Dosen kostet ca. 12,50€, wir kaufen zwei. Bei Wein spart man schon deutlich mehr, für 15€ kaufen wir zwei Flaschen guten, trockenen, deutschen Riesling. Für den selben Preis würde man in Helsinki eine Flasche Fusel bekommen. Die größten Preisunterschiede gibt es beim Hartsprit, der ist in Helsinki schlichtweg unbezahlbar, wenn man nicht gerade irgendeinen Osteuropäischen Blindmacher in der Plastikflasche kaufen möchte (und selbst der ist noch teuer). Ich kaufe mir eine Flasche Gordons Gin und fühle mich mit meinem Gesamtpaket für die nächsten Monate gut eingedeckt.

Anschließend schliddern wir die völlig eisbedeckten Straßen neben der historischen Stadtmauer entlang Richtung Irish-Pub und verbringen dort die restliche Zeit mit einem Guiness.

Zurück am Hafen treffen wir auf die Finnen, die mit der Nachmittagsfähre nach Tallinn geschifft wurden. Sie haben den kurzen Aufenthalt genutzt und sich in der Hafengegend mit Alkohol eingedeckt. Die Mengen sind beeindruckend. Viele sind mit (leeren) Rollkoffern angereist, die so groß sind, dass ich vermutlich bequem in ihnen mitfahren könnte. Diese Koffer sind nun nicht mehr leer, sie ächzen unter dem Gewicht des Inhalts. Diejenigen, die keinen Rollkoffer mitgebracht haben, ziehen nun einen kleinen Transportwagen (das Gestell erinnert an einen Rentner-Hackenporsche ohne Tasche), den man hier in jedem Getränkemarkt entweder kaufen kann oder ab einem bestimmten Einkaufspreis dazu bekommen, ich bin nicht ganz sicher. Auf jedem dieser Wagen thronen mindestens 5 Kartons Bier, zudem meist noch andere, härtere Spirituosen, die mit Spanngurten oben drauf befestigt sind. Einige Passanten haben sogar zwei dieser Wägelchen oder eine Kombination aus Hackenporsche und Rollkoffer. Es ist unglaublich.

Über die Rückreise habe ich gelesen, dass die Fähre als Partyboot bezeichnet wird. Das erweist sich als ziemlich zutreffend, der Finne fackelt nicht lange und probiert den jüngst erworbenen Bölkstoff aus. Die Fähre hat noch nicht abgelegt, da wabert schon eine intensive Alkoholwolke durch die Gänge. Im Bug, wo morgens noch der Gitarrenspieler geklimpert hat, legt jetzt ein Elektro-Rap-Ensemble, die Teflon Brothers, auf. Vor der Bühne geht die Menge steil, zuerst nur das Jungvolk, nach kurzer Zeit aber ein Mix aller Altersgruppen. Interessant ist, dass mitten in der hüpfenden und mitsingenden Partymeute mehrere Seniorenpärchen Standard zu den harten Elektrobeats tanzen.

Pünktlich um 21:15 Uhr erreichen wir Helsinki. Die Straßenbahn und der Bus bringen uns zurück zur Vuolukiventie 1b, wo wir die erworbenen Schätze in mein Zimmer bringen und uns zur common kitchen aufmachen. Hier findet gerade ein Vortrinken statt, es ist rappelvoll. Wir schließen uns meiner peer-group an, die offenkundig schon reichlich getankt hat. Alles quasselt durcheinander, alkoholbedingt haben sich die Akzente verschlimmert, man versteht sein eigenes Wort nicht. Aber es ist nett, als Cyprien mich sieht wird kurz ein Geburtstagslied angestimmt, danach geht man weiter dem Trinken nach. Terry und ich sind viel zu fertig, als sich die Bande in die Stadt aufmacht gehen wir schlafen.

MK:n ja Mao:n G∀NG$T∀-sitsit

Donnerstag, 28.01.2016, 11:30 Uhr. Juliette, meine französische Kommilitonin und Mitleidende im tourism and development-Kurs erzählt mir von etwas namens sitsit und fragt, ob ich auch komme. Sie verkauft es mir als etwas traditionell Finnisches, was man auf gar keinen Fall verpassen sollte. Ich höre zum ersten Mal davon und verspreche, mich zu informieren und ggf. anzumelden.

Für die Anmeldung muss man seine student-organisation angeben, ich bin in aber in keiner. Ich wende mich an die Organisatoren und frage, ob ich trotzdem kommen kann. Ich erhalte zwei Antworten von verschiedenen Personen, eine positive und eine negative. Die positive stellt sich als richtig heraus. Als ich nachsehe, wann und wo die Party steigt, fällt mir auf, dass ich bis direkt vorher einen Kurs habe und mich dann noch zum anderen Ende der Stadt aufmachen müsste. Ich versuche mich abzumelden, aber es ist zu spät. Even if you don’t come, you have to pay. Na gut, dann muss ich eben kreativ werden.

Dienstag, 02.02.2016, 18:00 Uhr. Natürlich hat Michail wieder überzogen. Um kurz nach 6 renne ich zum Bus. Die anderen aus dem Kurs, die auch zu der Party wollen, sind einfach während der Gruppenarbeit abgehauen. Kam mir ein wenig unfair den anderen gegenüber vor. Die Busfahrt dauert ewig, ich muss nach Espoo, einem Außenbezirk von Helsinki. Den letzten Kilometer muss ich laufen, es ist furchtbar glatt, ich bewege mich langsam. Gegen 19:00 Uhr, eine gute Stunde zu spät, erreiche ich die angegebene Adresse und betrete den Partykeller.

Der Temperaturunterschied ist enorm. Die Luft ist verbraucht und alkoholgeschwängert. Es wird gesungen. Ich gehe seitlich in Richtung der Theke, um mich anzumelden und die Teilnahmegebühr von 15€ zu bezahlen. Dort erhalte ich einen welcome-drink (Gin Tonic, lauwarm) und werde zum einzigen leeren Stuhl im Raum geführt. Dort serviert man mir einen Hot Dog, einen Shot Vodka und einen Plastikbecher voll Wasser. An meinem Tisch sitzen Juliette, eine weitere Französin namens Céline und ein Finne, dessen Namen ich nicht verstehe. Alle sind verkleidet, ich hatte weder ein Kostüm, noch Zeit eines zu besorgen, bin also in Zivil. Um mich herum sitzen verschiedene Ausprägungen von Gangstern, der Typ Ghetto-HipHoper überwiegt, aber auch ein Sträfling in gestreifter Uniform ist anwesend. Diese Art von Event scheint einem einfachen Schema zu folgen: In unregelmäßigen Abständen steht jemand auf und hält eine Rede (leider auf Finnisch, ich verstehe mal wieder gar nichts) und nennt zum Schluss eine Nummer, die einem Lied in dem kleinen Heft entspricht, dass auf jedem Tisch liegt. Dann wird gesungen, meist auf Finnisch, hier aber immerhin mit Text für mich. Viele Lieder haben individuell anpassbare Strophen, sodass nicht alles im Heft steht. Oft wird am Ende einer Strophe getrunken, in jedem Fall aber am Ende eines Liedes (zwischendurch eher Bier, am Ende der Vodka). Großartiger Kontakt mit den Finnen findet nicht statt, auch auf der Party besteht die ERASMUS-Blase. Abgesehen von einigen kurzen Gesprächen mit verschiedenen Finnen verbringe ich den Großteil der Party mit den Französinnen. Zwischendurch werden wir aufgefordert uns zu erheben und an einer Polonaise teilzunehmen, während die zwei Finnen, die das dazu passende Lied angestimmt haben, auf einem Tisch stehen und uns antreiben. Das Programm wird kurz vorm Ende noch durch ein Rap-Battle auf Finnisch abgerundet (Video). Gegen 23 Uhr verlasse ich gut angetrunken die Party (den Finnen, die DEUTLICH mehr getrunken haben, merkt man nichts an), ein langer Heimweg erwartet mich. Im Bus funktioniert meine Travel-Card nicht, ich erfahre, dass ich meine Zone verlassen habe und 5,50€ für die Fahrt zahlen muss. Das letzte Stück muss ich laufen, leider kenne ich den Weg nicht und mein Handy hat sich bereits im Bus mangels Akkuladung verabschiedet. Ich laufe nach Gefühl und erreiche die Vuolukiventie gegen halb eins.