Sonntags in der Sauna

Sonntag, 17.01.2016. Ich faulenze. Martin schreibt in der Facebookgruppe, dass er das gute Wetter nutzen und Skifahren will. Ich bin neidisch. Ich habe mich bereits informiert, ob man Skier leihen kann, aber dies über einen privaten Anbieter zu machen kostet 20€ pro Tag und der Unisport hat Leihskier noch nichts ins Programm aufgenommen, weil scheinbar für finnische Verhältnisse zu wenig Schnee liegt. Aha. Wie wohl viel Schnee in Finnland aussieht? Jedenfalls bin ich zu geizig die Wucherpreise zu zahlen, also muss ich auf mehr Schnee warten.

Irgendetwas muss ich aber heute auch noch machen. Die Jungs verabreden sich auf 16 Uhr um irgendein Juventus-Spiel zu gucken, ich bin nicht interessiert. Stattdessen verabrede ich mich mit Ingrid und Tereza zum Schwimmen. Es ist ein öffentliches Hallenbad mit Pool und Sauna und die Tageskarte kostet 3,30€. Klingt gut. Ich verabrede mich mit Ingrid, die ich an der Bushaltestelle getroffen habe, am Pool und gehe in die Umkleide. Das Treffen findet nicht statt, ich werde Opfer einer merkwürdigen finnischen Hausregel: NO SHORTS! Das zurate gezogene Internet spuckt irgendwelche Hygienegründe aus. Meine letzte nicht-Short-Badehose habe ich glaube ich in der 5. Klasse abgelegt. Also kein Durchkommen, das Schwimmen fällt aus. Ich gehe zurück in die Umkleide, ziehe meine Shorts wieder aus und gehe direkt in die Sauna. Nackt komme ich immerhin weiter. Die Saunen gehören zur Umkleide wie in Deutschland die Duschen, demnach herrscht Geschlechtertrennung. Es gibt eine milde und eine heiße Sauna. Ich wähle die heiße.

Drinnen ist es dunkel und voll. Der Raum ist komplett mit blauen Fliesen verkleidet, nur die Sitzgelegenheiten sind aus Holz, damit man sich nicht den Arsch verbrennt. Zwei der Finnen unterhalten sich, der Rest sitzt, schweigt und schwitzt. Im Raum stehen zwei große blaue Eimer, gefüllt mit einer Flüssigkeit und mit einem Werkzeug versehen, das eine Art Kreuzung aus Kehrblech und Schöpfkelle zu sein scheint. Ich bewege mich auf eine der Bänke zu, man bewegt seine nackten Ärsche zur Seite, ich setze mich. Nun offenbart sich die Bedeutung der Eimer. Während ich es aus deutschen Saunen gewöhnt bin, dass man sich in regelmäßigen Abständen trifft um einen ca. 10-minütigen Aufguss mitzumachen, ist in dieser Sauna IMMER Aufgusszeit. Wer gerade findet, dass es in der Sauna zu kalt ist (es herrschen ca. 90-100°C), der schnappt sich den Eimer und schüttet so viele Kellen Wasser auf die heißen Steine, bis es ihm warm genug erscheint. Ein kleiner Spoiler: Es ist niemals warm genug. Im Abstand von 30 Sekunden wird zum Eimer gegriffen, ein endloser Strom wohlig warmer Wolken zieht durch die Sauna. Zwischendurch fühlt es sich an, als würde die Haut kochen, ich atme flach. Nach ca. 10 Minuten kann ich nicht mehr, ich verlasse die Sauna Richtung Dusche.

Nach der Dusche habe ich das (deutschsaunabedingte) Bedürfnis, mich auf eine Liege zu fläzen und 30-60 Minuten zu entspannen und zu lesen. Ich werde enttäuscht, es gibt keine Ruhezone (wenn man wieder den Vergleich zur deutschen Dusche zieht, ergibt es ja auch Sinn). Vermutlich geht man zur Entspannung schwimmen. Oder so. Da ich nicht einsehe, dass mein Aufenthalt sich an dieser Stelle erledigt hat, gehe ich um entspannen in die milde Sauna. Ich fühle mich unwohl. Außer mir sitzen hier nur bärtige Männer mit ihren sehr kleinen Kindern. Quasi Sauna-light, das Kinderparadies. Da ich aber nicht weiß, wo ich sonst hinsoll, bleibe ich sitzen, schließe die Augen und versuche mich zu entspannen. Der Erfolg ist mäßig, aber ich kühle soweit runter, dass ich mich in der Lage sehe, wieder in die heiße Sauna zu wechseln. Ich halte kürzer durch als vorhin, was aber auch daran liegen kann, dass noch mehr aufgegossen wird. Ich fühle mich wie ein Hummer. Anschließend steige ich ins Eisbad, es tut gut, aber ich kann nicht lange drinbleiben. Eine letzte Runde in der heißen Sauna, duschen, anziehen und raus aus dem Laden.

Ca. eine Stunde hat mein Aufenthalt gedauert, ich bin entspannt und meine Durchblutung ist dermaßen in Schwung gekommen, dass ich auf dem Weg zum Bus weder Handschuhe noch Mütze brauche. Apropos Bus, hier lerne ich eine weitere Besonderheit Finnlands kennen. Dass die Busse nur halten, wenn man anhaltermäßig seine Hand rausstreckt, hatte ich bereits verstanden. An dieser Bushaltestelle bin aber der einzige Fahrgast, scheinbar reagiere ich zu spät, nämlich als ich den Fahrer sehen kann. Der Bus kommt ca. 50 Meter hinter der Haltestelle zum Stehen, ich sprinte hinterher. Die Tür geht auf, ein sehr wütend aussehender Busfahrer blafft mich in einer Sprache an, die ich nicht im Ansatz verstehe. Ich bedanke und entschuldige mich, schleiche an der Fahrerkabine vorbei in den Bus, er schimpft noch, als der Bus schon wieder fährt und ich auf meinem Platz sitze. Generell scheint jeder Mitarbeiter des ÖPNV in Helsinki vom Grinch persönlich ausgebildet worden zu sein, auch meine Kommilitonen haben schon solche Hasstiraden über sich ergehen lassen müssen. Ich komme zu Hause an und mache nichts mehr.

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Ein Gedanke zu „Sonntags in der Sauna“

  1. Lieber Juli,

    ich bin mittlerweile begeisterte Folgerin deines Blogs und wußte bisher nicht, dass du so interessant schreiben kannst!! Deine finnischen Erlebnisse sind ja wirklich täglich und zahlreich. Ja, der Finne – ein spannendes Wesen, das du nach und nach erkunden wirst. Nett, dass du schon deine eigene kleine Migranten-Community gefunden hast. Das Abenteuer hat begonnen! Hast du Gebrauchsanweisung für Finnland schon gelesen?

    Liebe Grüße und viel Spaß Loni

    >

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