Abflug

Mittwoch, 13.01.16, 05:30 Uhr. Mein Wecker reißt mich nach gefühlten 30 Minuten Schlaf zurück in die Realität. Duschen, verabschieden, für Frühstück ist keine Zeit, monströsen Rucksack aufsetzen und ab zur Bushaltestelle. Mir ist warm, ich habe bereits meinen kompletten Nordpoldress an, da nichts mehr in den Rucksack passte.

Kurz vor 7 erreiche ich den Bahnhof, im Schweinsgalopp spurte ich Richtung Tunnel als mir – plop – jemand gegen die rechte Schulter haut. Ich drehe mich um, niemand ist da. Dann zieht es mich nach links, der vermeintliche Schlag gegen die Schulter war das Zerbrechen der Schnalle am rechten Träger des Monstrums, dessen 21,5 kg Lebendgewicht nun auf meiner linken Schulter lasten. Ich fluche, halte den Träger fest und laufe weiter. Geht ja gut los. Frühstück kaufen und ab in die Bahn, bis Düsseldorf ist Ruhe. Ich flicke meinen Rucksack mit einem Knoten. Passt schon.

Pünktlich erreiche ich den Flughafen, thank you for choosing Deutsche Bahn today, take care and goodbye. Ich steige in den Skytrain, es ist voll, mein Gepäck ist schwer, mir ist warm. Die Anzeigetafel verrät mir, dass ich an Schalter 189 einchecken muss, mein Gepäck will man mir dort aber nicht abnehmen – „Sorry, aber die Seitentaschen bleiben hängen, das kommt nicht an.“ Also ab zum Sperrgepäckschalter, Nummer 100, am anderen Ende des Flughafens. Mir läuft der Schweiß in Sturzbächen den Rücken runter. Man nimmt mir den Rucksack ab, ich fühle mich leichter. Ab um Gate, ich bin viel zu früh. Ich nutze die Zeit um durch den Flughafen zu schlendern, überlege kurz, mir etwas zu essen zu kaufen, verwerfe diesen Gedanken angesichts der Preise aber sofort wieder (8€ für n popeliges Brötchen, haben die Lack gesoffen?) Mein Flug soll den Flughafen um 11:05 Uhr verlassen, das Boarding soll um 10:35 Uhr beginnen. Um 11:00 Uhr sitze ich immer noch vorm Gate, die Putztruppe ist noch nicht fertig. Die Lufthansa-Dame guckt ungeduldig Richtung Flugzeug, irgendwann beginnt sie mit dem Boarding. Ich passiere das Gate, 50m weiter kommt der Menschenstrom vor einer Metalltür wieder um erliegen, das Gateway ist noch nicht freigegeben. Das Flugzeug ist winzig, es scheinen nicht viele Leute nach Norden zu wollen.

Endlich dürfen wir an Bord, das (sehr skandinavisch aussehende) Flugbegleiter Team begrüßt uns mit einem freundlichen „hej“, ich stelle fest, dass ich einen Fensterplatz habe und lasse mich zufrieden nieder. Die zwei Plätze neben mir bleiben frei, sehr angenehmes Reisen. Generell fühlt man sich in diesem Miniflugzeug (satte 24 Sitzplatzreihen) deutlich besser aufgehoben als in der RyanAir-Maschine, mit der ich eine Woche vorher aus Lissabon zurückgeflogen bin. Niemand belästigt mich mit Gewinnspielen und Duty-Free-Shopping-Angeboten, die Strafe dafür, dass man einen günstigen Flug gebucht hat bleibt aus. Ich lese das bei der Abschiedsparty erhaltene kuriose Finnlandbuch und kichere aufgrund der darin vermittelten Bilder Finnlands. Eine Nation von stoffeligen, kaffeetrinkenden Saunagängern? Das könnte mir gefallen. Nach etwa einer Stunde löse ich mich von meiner Lektüre und sehe aus dem Fenster, unter mir erstreckt sich ein endloser weißer Teppich mit dunklen Flecken, dort wo der Wald ist. Das ist also dieser sagenumwobene „Winter“. Wenig später landen wir, fast pünktlich, in Stockholm – Arlanda.

An der Gepäckausgabe überlege ich kurz, ob ich meinen Riesenrucksack wohl einsammeln und erneut aufgeben muss, entscheide mich aber dafür, dass das Blödsinn sei und mache mich in Richtung meines Anschlussflugs auf. Ich muss mehrfach umkehren und in andere Richtungen weiterlaufen, werde auf einem Rollband fast von einem Asiaten mit einem völlig überladenen Koffertransportwagen plattgemacht und verfluche den Architekten des Flughafens. Schlussendlich finde ich aber doch mein Gate, der Anschlussflug startet pünktlich. Auf dem Flug serviert man mir einen Kaffee, ich bin gerührt. Wie auch auf dem Flug nach Lissabon, bemerke ich erst in der Luft meine Unfähigkeit, die Flugzeit richtig zu lesen. Ich verliere eine Stunde und lande um 16:30 Uhr Ortszeit in Helsinki – Vantaa. An der Gepäckausgabe ein kurzes, banges hoffen, dass alles geklappt hat und mein Rucksack mit all meinen Klamotten nicht seit Stunden in Stockholm auf dem Gepäckband seine Runden dreht, dann sehe ich ihn und suche erleichtert das Weite.

Ab diesem Moment bin ich kurz verloren. Ich sehe Schilder in einer Sprache, deren Buchstaben ich zwar lesen kann, die aber in dieser Aneinanderreihung überhaupt keinen Sinn ergeben. Ich halte mich an Piktogramme, erstmal Richtung Bahn (what Google sais – leider schafft es Google nicht, mich GPS-technisch richtig zu verorten, der blaue Kreis um meinen Standort umfasst den gesamten Flughafen, ich laufe blind). An der Bahnstation angekommen, kaufe ich ein Ticket, die Preise sind überwältigend, 12€ für ein Tagesticket, + 6€ für jeden weiteren Tag. Ich wähle die 2-Tages-Variante und hoffe, dass ich am nächsten Tag beim Welcome-Fair ein Studi-Ticket erhalte. Also auf in die Stadt, Ziel: Töölö-Towers, zur Schlüsselübergabe. Ich versuche mich auf dem Netzplan zurechtzufinden, ohne Erfolg. Keine der von Google genannten Stationen findet sich auf diesem kryptischen Meisterwerk wieder, ich versuche das System zu verstehen und scheitere. Es gibt 3 Farben, die aber scheinbar völlig zufällig über den Plan verteilt sind, das kann es also schon einmal nicht sein. Ich finde den Flughafen, der hier aber irgendwie anders heißt, hier laufen 2 Linien zusammen und trennen sich Richtung Stadt sofort wieder, in lilafarbenen, großgeschriebenen Lettern steht hier I P. Es gibt zwei Gleise, ich gebe es auf den Plan zu verstehen und wende mich an eine Passantin: „Excuse me, can you tell me if this train (ich zeige auf einen am Gleis stehenden Zug) goes in or out of the city?“  Sie guckt mich an, als wäre ich komplett bescheuert, antwortet aber freundlich: „In the city.“. „Thank you very much!“ und ab in den Zug.

Laut Google muss ich 12 Stationen fahren, habe also Zeit. Erneut sehe ich den Netzplan. Man Meise, du hast ’nen Universitätsabschluss, du wirst doch wohl einen Fahrplan lesen können, du bist Geograph verdammt noch mal! Mit fragendem Blick starre ich auf den Plan. Dann klickt’s und ich verstehe, warum mich die gute Dame so fragend angeschaut hat. Der Flughafen ist die Endstation, BEIDE Züge fahren in die Stadt. Die Linien haben keine Farben, sondern Buchstaben, die Haltestelle mit dem merkwürdigen Namen Y S U L E A P I I P K N T H R Z ist Helsinkis Hauptbahnhof, wo quasi alle Linien zusammenlaufen. Der Grund, warum ich die von Google ausgespuckten Haltestellen nicht finden kann ist, dass in Google hinter jeder Haltestelle das finnische Wort für Haltestelle – asema – sowie ein Buchstabe, der die Wortzugehörigkeit anzeigt, angeführt ist. Mein Ziel, Pasilan asema entspricht auf dem Netzplan demnach Pasila. Zufrieden mit mir selbst setze ich mich und lausche den Ansagen im Zug. Es klingt, als würde ich Loituma (wer es nicht kennt: https://www.youtube.com/watch?v=faQSs6UBDok ) in Endlosschleife hören. Angenehmerweise ist Finnland zweisprachig, die schwedischen Ansagen erschließen sich mir einigermaßen. In Pasila (schwedisch Böle) steige ich aus. Es – ist – sowasvon – kalt. Auf der Rolltreppe zerlegt es mich fast, das Metall vor der Rolltreppe hat einen mehrere Zentimeter dicken Eisüberzug. Ab hier soll es mit dem Bus weitergehen. Mein Magen knurrt, ich beschließe mir ein typisches finnisches Festmahl zu gönnen und marschiere zu Subway. Für das labbrige Sandwich darf ich 9€ abdrücken. Willkommen in Finnland.

Die Bushaltestelle ist das pure Chaos. Ich versuche, aus Google herauszubekommen, wohin ich mich orientieren muss, für Handytätigkeiten muss ich allerdings meinen rechten Handschuh ausziehen, was zu sofortigen Erfrierungen führt. Erneut suche ich die Hilfe einer Passantin. Sie versteht zwar mein englisch und will mir helfen, meine deutsche Interpretation des Namens meiner Zielhaltestelle scheint aber so weit von der richtigen Aussprache entfernt zu sein, wie nur irgendwie möglich. Mit Händen und Füßen führen wir ein bizarres Gespräch, bis es mir irgendwann gelingt ein Schlüsselwort zu nennen, was bei ihr zum sofortigen Verständnis führt – Kamppi? Ah, Kamppi! This one! Ich laufe zur beschriebenen Bushaltestelle, 18:13 Uhr soll mein Bus angeblich fahren. Um 18:09 Uhr erreiche ich die Haltestelle, die Fahrplananzeige verspricht mir einen Bus in 11 Minuten. Hierbei scheint es sich allerdings um einen sehr grob geschätzten (Wunsch-)Wert zu handeln, der Winter hat auch in Helsinki den ÖPNV fest im Griff. Die Anzeige springt vor und zurück, 7 Minuten, 6 Minuten, 9 Minuten, 8 Minuten, 7 Minuten, … Ich fühle mich wie Bill Murray in „täglich grüßt das Murmeltier“, allerdings bei muckeligen -12°C. Nach gefühlten 30 Minuten erscheint der Bus, ich fahre bis zur angegebenen Haltestelle. Wieder stehe ich auf irgendeiner Straße, ausgespuckt vom ÖPNV, komplett orientierungslos, Google positioniert mich ein einem großzügigen 2 km Radius. Na danke. Seufzend wende ich mich an den nächstbesten Passanten. „Töölö Towers?“ This way. Thanks, bye, alles klar. Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht, frage irgendwann wieder eine Passantin, sie weist mich darauf hin, dass ich DIREKT vor meinem Ziel stehe. Aha, hinein!

Drinnen ist es warm, die Rezeptionistin ist nett und spricht ein sehr klares Englisch. Wir klären die Formalien, ich zücke meine VISA-Card, zahle die Miete für den Restmonat (was ziemlich genau meiner Gesamtmiete in Münster entspricht) und bekomme einen Schlüssel zusammen mit dem Ausdruck einer Busempfehlung ausgehändigt. Wieder raus in die Kälte, ich sehe meinen Bus wegfahren und beschließe einen Zwischenstopp im kleinen Supermarkt auf der Ecke einzulegen. Es riecht köstlich, ich gehe der Zimt-Zucker-Note nach und finde verschiedene Sorten „Pulla“, zimtschneckenartige Hefegebilde, von denen sofort 3 Stück fürs Frühstück in meinem Korb landen. Ein kurzer Blick in die Getränkeabteilung bestätigt die Gerüchte, die Preise für Bierdosen beginnen bei 3€. Ich verzichte, kaufe noch Duschgel und etwas, dass ich für Fruchtsaft halte und gehe zur Kasse. Nach kurzer Wartezeit erscheint mein Bus und ich fahre stadtauswärts. An der beschriebenen Haltestelle steige ich aus (wobei ich dies in diesem Moment noch für einen Irrtum halte, da mein Ziel laut Google noch ziemlich weit weg ist) und folge den Anweisungen des Telefons in Richtung meiner Adresse.

Ich laufe durch tiefen Schnee, lange, dunkle Parkwege entlang, durch eine Plattenbausiedlung, in einen Wald. Mein Akkustand sinkt bedrohlich, bei 16% wird plötzlich der Bildschirm schwarz, das Handy meldet einen leeren Akku. Ich stehe mitten im Wald, komplett eingeschneit, ohne jegliche Orientierung, da ein Stadtplan (den ich von der Dame in den Töölö-Towers bekommen habe) einem ohne Straßenschilder auch nicht weiterhilft. Ich gehe weiter, treffe auf zwei Rentner mit Hunden, frage nach dem Weg zur Vuolukiventie. Sie verstehen nicht, ich wiederhole sicherlich 4-5 mal den Straßennamen. Irgendwann versteht einer von ihnen. This way, there you can ask somebody else. Ich klettere im Wald rum, zu einer Häuseransammlung, lande irgendwann auf einem Parkplatz, klettere über einen Schneehaufen und versinke bis zur Hüfte in einer Schneewehe, die Befreiung mit 30 Kilo Marschgepäck dürfte für den außenstehenden Betrachter extrem witzig ausgesehen haben. Dann treffe ich auf einen Menschen, der mir tatsächlich sofort weiterhelfen kann und erreiche gegen 20:30 schlussendlich meine Unterkunft für die nächsten 6 Monate. Auspacken, Wecker stellen, gute Nacht.

 

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