Krankheit und graue Suppe

Was sich am Montag noch als leichte Erkältung angedeutet hat, entwickelt sich Dienstag und Mittwoch prächtig, ich falle 2 Tage aus und bleibe im Bett. Währenddessen wandelt sich Finnland vor meinem Fenster, die Temperaturen steigen und pendeln sich bei knapp über 0 Grad ein, was zur Folge hat, dass der Schnee zu schmelzen beginnt und sich das weiße Wunderland in eine graue Matschlandschaft verwandelt. Hinzu kommt, dass sich der Schneefall in Regen und Nebel verwandelt, selbst wenn ich nicht im Bett bleiben müsste, wäre mein Wunsch, das Zimmer zu verlassen nicht besonders groß. Durch das Schmelzen des Schnees wird es auch allgemein dunkler, ich kann langsam nachvollziehen, warum der Finne zu dieser Jahreszeit zu Depressionen, Alkoholismus und Suizid neigt. Am Donnerstag verlasse ich meine Höhle erstmal wieder, um nicht noch mehr in der Uni zu verpassen. Obwohl es gut 20 Grad wärmer ist, als in der vergangenen Woche, kommt es mir deutlich kälter vor, es ist nass und eklig und man kann sich deutlich schlechter vor dieser kriechenden Kälte schützen als vor den trockeneren Minusgraden. Hinzu kommt, dass man jetzt ununterbrochen aufpassen muss, um nicht mordsmäßig auf dem Arsch zu landen, die Bürgersteige sind mit einer Mischung aus gefrorenem Schnee, matschigem Schnee und einer dünnen Gleitschicht aus Wasser bedeckt. Viele der Passanten tragen Gummistiefel, in Anbetracht der Tatsache, dass auch meine Outdoor-Schuhe mit ordentlichem Profil keinerlei Grip mehr haben, wahrscheinlich nicht die schlechteste Wahl. Ich stelle fest, dass ich mich nicht auf Regenwetter eingestellt habe, die Aussicht auf -27°C haben mich diesen Aspekt des finnischen Wetters komplett vergessen lassen. Ich beschließe, in naher Zukunft in einen Regenschirm zu investieren.

From start to Finnish

Montag, 25.01.2016. Das Schwitzen beim Cross-Country-Skiing zusammen mit der Kälte und der Allgegenwärtigkeit von hustenden und schniefenden Mensch haben es geschafft: Ich bin erkältet. Tatsächlich liegen ca. 50% der Gruppe flach. Ich verbringe den Tag schniefend in der Bibliothek an der Heizung und verschleiße zahllose Packungen Taschentücher. Montags habe ich nur abends meinen Finnisch-Kurs, der heute beginnt. Aber anders als in Deutschland ziehe ich hier die Bibliothek meinem eigenen Zimmer als Arbeitsplatz vor. Gegen 18:00 Uhr schleppe ich mich ins Nachbargebäude, als ich ankomme hat der Kurs bereits begonnen, scheinbar der einzige Kurs hier der um Punkt beginnt. Ich bin nicht der einzige, bis Viertel nach füllt sich der Raum nach und nach. Der Kurs wird geleitet von Ralitsa Petrunova und ist ein Angebot für Austauschstudenten, demnach englisch-finnisch. Ich weiß nicht, ob Ralitsa Finnin ist, dem Namen nach jedenfalls eher nicht. Ihrem Englisch nach könnte sie irgendwo aus Osteuropa stammen, andererseits rollen die Finnen das R auch. Der Kurs ist überwiegend mäßig interessant, es wird nicht direkt ins Lernen der Sprache eingestiegen, sondern wir erhalten erstmal eine allgemeine landeskundliche Einführung. Witzig ist eigentlich nur, wenn sie uns Eigennamen von Personen, Dingen und Sachverhalten präsentiert und wir diese zusammen mit ihr aussprechen üben:

Finnland: Suomi

Finnlands Präsident: Sauli Niinistö

Finnlands größter See: Saimaa

die dunkelste Zeit des Winters: kaamos

mehrere Schichten Kleidung übereinander tragen: kerrospukeutuminen

Eiszapfen: jääpuikko

Ein bisschen steigen wir dann aber doch noch ins Lernen der Sprache ein. Die Basics:

Es gibt die gleichen Umlaute wie in Deutschland, nur, dass hier das Y das Ü ist. Anders als im Deutschen werden die Umlaute aber durchaus hintereinander geklatscht, es entstehen Worte wie yötä [ü-ö-tä], zu Deutsch: Nacht.

Es wird IMMER die erste Silbe eines Worts betont, was unter anderem dazu führt, dass Finnisch so eine merkwürdige Sprachmelodie hat.

Doppelte Vokale oder Umlaute werden einfach langgezogen, ähnlich einem Vokal/Umlaut + h im Deutschen.

Wörter die sich ähnlich schreiben und ähnlich klingen haben meistens nichts miteinander zu tun. Ein Beispiel: Tili, Tiili und Tilli sind übersetzt das Bankkonto, der Ziegelstein und Dill. Ein Wort falsch auszusprechen kann den Unterschied machen zwischen einer netten Verabredung und dem Gefängnis: tapa = treffen, tappa = töten.

Das R und das L werden gerollt, ein H hinter einem Vokal oder Umlaut wird gesprochen wie das CH im Deutschen (nicht das aus Ich sondern das auch Krach, mir fehlt hier die Fachterminologie). Wichtig: Kaffee = Kahvi [Kachwi].

Finnen sind die Meister des Kompositums. Ich hatte mich im Supermarkt schon gefragt, warum jedes Produkt, dass man kauft, einen derart langen Produktnamen hat. Die Antwort: der Name gibt quasi schon detailliert Auskunft darüber, worum es sich handelt. Ein Beispiel aus dem Finnischkurs: sähköpostiosoite ist die E-Mail-Adresse und setzt sich zusammen aus sähkö (Elektrizität), posti (Post) und osoite (Adresse).

Es gibt keine Artikel oder Wortgeschlechter, dafür aber 15 Fälle.

Und last but not least: Es gibt eine formale und eine gesprochene Sprache, die scheinbar wenig Ähnlichkeit miteinander haben.

Nachdem wir diesen sehr schnellen Abriss der finnischen Grammatik bekommen haben, lernen wir noch ein wenig Alltagsfinnisch:

jmd. grüßen: Hei, moi oder (etwas altbacken) terve

sich verabschieden: hei-hei, moi-moi (nicht terve-terve)

ich bin: minä ole

freut mich, dich kennenzulernen: hauska tavata

wie geht es dir?: kuka sinä olet?

danke: kiitos

Cross Country Skiing

Samstag, 23.01.2016, 13:00 Uhr. Wir fahren mit dem Bus nach Viikki, wo sich der nächste Unisport-Standort befindet. Da Martin ja mit dem Auto angereist ist, hat er seine eigenen Skier dabei und trägt sehr professionell aussehende Sportbekleidung. Der Rest von uns erscheint in Jeans und Winterjacke. Bei Unisport angekommen treffen wir Jenna, die in Viikki wohnt und ich kaufe für 72€ die Unisportkarte für das gesamte Semester und bin damit nun befugt, alle Sportangebote des Unisport zu nutzen. Mal sehen, wie oft ich meinen Hintern hochkriegen werde. Wir erhalten jedenfalls eine kurze Einweisung, wie wir unsere Ausrüstung auswählen sollten: Schuhe so eng wie möglich, Skier 15-25cm länger als wir groß sind, Stöcke 15-25cm kürzer als wir groß sind. Danach ziehen wir los in Richtung „the field“.

Dort angekommen erklärt uns Martin, wie wir in die Skier kommen und die Bewegungsabläufe beim Laufen. Obwohl das Ganze sehr an Laufen erinnert, kann man dabei wunderbar einfach auf dem Arsch landen. Ich glaube den meisten Schnee sammeln Cyprien, Jerome und ich in unseren Klamotten an, Simone scheint in seinem Leben schon diverse Male auf Skiern gestanden zu haben und lacht sich jedes Mal halb tot, wenn wieder einer von uns baden geht, Jenna traut sich nicht und schleicht im Schneckentempo hinter uns her (fällt aber auch nicht hin) und Martin legt einen Raketenstart hin und ward nicht mehr gesehen.

Es gibt zwei Stile für Cross-Country-Skiing: Classic und Skating. Ich nehme mir vor, nächstes Mal Skating auszuprobieren, was Inline-Skating sehr viel näherkommen dürfte. Dafür braucht man allerdings andere Schuhe und Skier, die es aber auch beim Unisport gibt.

Spaß macht das Ganze aber trotzdem, wir laufen gut zwei Stunden, es entstehen diverse Videos, auf denen zu sehen ist wie wir wieder und wieder auf dem Arsch landen. Anschließend kehren wir durchgeschwitzt (Winterjacken mit Fleece sind keine gute Sportbekleidung) und nass vom vielen im Schnee liegen zurück zum Unisportgebäude und fahren heim.

Italiener und Parmesan

Donnerstag, 21.01.2016, 20:00 Uhr. Wir sind zum Kochen verabredet, den ganzen Tag über wurde diskutiert, was es geben soll, das Ergebnis: Risotto. Ich bin unbegeistert, bin ich doch überzeugter Risotto-Hasser. Leider funktioniert das mit der Demokratie ganz gut in der Gruppe. Über den Tag verteilt haben immer mehr Leute Interesse an einem gemeinsamen Kochen bekundet, niemand weiß so richtig, wie viele es nun tatsächlich sein werden. Knapp 15 Personen erscheinen. Das Kochen ist eine Riesenaktion, alle 4 Herdplatten sind in Benutzung, bergeweise Gemüse wird geschnippelt, jeder steht jedem im Weg rum. Unumstritten ist, wer das Ruder in der Hand hat: Ingrid gibt Anweisungen und kocht wie eine Weltmeisterin. Eine Zutat, die nicht fehlen darf: frischer Parmesan. Und wo kommt der her? Exakt, aus Italien, angereist in Ingrids Koffer. Parmesan scheint beim Italiener zum Reisegepäck zu gehören wie in anderen Ländern Kamera und frische Unterwäsche (auch das habe ich bereits in Lissabon von Jans Mitbewohner gelernt, aber nicht so recht glauben wollen).

Nach gut 90 Minuten kommt die Pampe auf den Teller, grau-bräunlich schleimig sieht sie aus… und schmeckt erstaunlich gut. Die Portionen fallen allerdings etwas klein aus, da nicht für 15 Leute eingekauft wurde. Wer noch Hunger hat isst Salat oder den trockenen Reis, den Martin spontan noch gekocht hat, als abzusehen war, dass das Risotto nicht sattmachen würde.

Die Köchin wird jedenfalls in höchsten Tönen gelobt und es wird beschlossen, auch beim nächsten Kochen weiter die italienische Speisekarte abzuarbeiten.

Kirppis

Mittwoch, 20.01.2016, 15:00 Uhr. Ich folge dem Rat des tschechischen Fremden und mache mich auf Richtung Kirppis, um hoffentlich endlich mein Kaffee-Problem zu lösen (meine einzige Kaffee-Quelle ist die Uni und wenn ich dort meinen geliebten Schnösel-Kaffee kaufen möchte, kostet mich jeder Becher 3,50€). Circa 500 Meter von meiner Haustür entfernt befindet sich eine kleine Versorgungsinsel für das Viertel, mit kleinem Supermarkt, Blumenladen, Frisör, Geldautomat und was man eben sonst noch so braucht. Und eben: dem Kirppis. Von außen kann man nicht in den Laden schauen, alle Fenster sind mit braunen Folien verklebt. Als ich den Laden betrete, verstehe ich, was Matt damit meinte, dass man hier wirklich alles kaufen kann. Mit Läden wie der „Recycling-Börse“ aus Herford hat das hier nicht mehr viel zu tun, es ist quasi ein riesiger Indoor-Flohmarkt, nur, dass niemand hinter den Tischen steht, sondern alle Artikel durchnummeriert sind und an einem zentralen Punkt bezahlt werden. Und, dass dieser Flohmarkt zu normalen Geschäftszeiten täglich geöffnet hat. Matt hatte mir noch empfohlen, mir Zeit zu lassen und wirklich alles anzuschauen. Ich nehme mir seinen Rat zu Herzen und verbringe über eine Stunde in dem Laden. Es gibt wirklich alles: Küchenwerkzeuge, technischen Schnickschnack, Sportgeräte, Kleidung und jede Menge Tand und Trödel. Ich verlasse den Laden mit einem Herdkännchen für Espresso, einer Pfanne und einer Springform, alles zusammen für 17€. Hochzufrieden gehe ich mich im benachbarten Supermarkt mit Espressopulver eindecken und anschließend nach Hause. Den Kirppis werde ich aber vermutlich noch öfter besuchen.

„Party in Kevins Room“ oder „Wie viele Studenten passen auf 20m²?“

Dienstag, 19.01.2016, 21:00 Uhr. Wir treffen uns, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Lapplandreise zu diskutieren. Die Frage, die es zunächst zu klären gilt ist: Wollen wir mit dem vorgefertigten Programm von ESN reisen oder organisieren wir uns selbst? Nach einer kurzen Internetrecherche bezüglich Zeiten und Kosten sind wir uns ziemlich einig: das machen wir lieber selbst (das ESN Basispaket kostet 315€ und umfasst eigentlich nur Transport und Unterbringung, jegliche Aktivität sowie Verpflegung kosten extra). Tereza kennt einen Finnen, der mehrmals in Lappland war und uns eventuell bei der Planung helfen kann und verspricht diesen in den kommenden Tagen zu kontaktieren.

Nachdem wir uns einig sind gehen wir rüber ins G-Gebäude, wo im Apartment eines gewissen Kevin eine Party stattfinden soll, nachdem man aus dem common kitchen von der Security rausgeschmissen wurde (Öffnungzeiten nur bis 22 Uhr). Man hört die Party schon von weitem, es klingt nach einer großen Menschenmenge und entpuppt sich auch als solche. Kevins Zimmer hat vermutlich die gleichen Abmessungen wie meins, ich hätte nicht gedacht, dass 40-60 Leute darin Platz finden würden (ich hätte es aber ehrlich gesagt auch nicht ausprobiert). Irgendwo im Zimmer versucht eine kleine Bluetooth-Box verzweifelt gegen das Gebrabbel der internationalen Menschenmenge anzukommen, hin und wieder kann man vertraut klingende Musikschnipsel erahnen. Das Bett wurde auf die Kopfseite gekippt und lehnt an der Wand, jegliches weitere Mobiliar ist über und über mit Behältnissen voll alkoholhaltiger Flüssigkeiten bedeckt. Die Luft erinnert an ein Tropenhaus, denn die Zimmer haben keine vernünftigen Belüftungsmöglichkeiten, die Fenster lassen sich nicht öffnen. Zusammengefasst: es ist laut und stickig, aber auch nett, da man quasi ununterbrochen in Gespräche verwickelt ist, die mit Händen und Füßen ausgetragen werden, da man aufgrund des hohen Lärmpegels mit gebrochenem Englisch oft nicht mehr weiterkommt. Um Mitternacht wird Simones Geburtstag gefeiert, es werden Geburtstagslieder gesungen und auf das Geburtstagkind angestoßen. Anschließend unterhalte ich mich mit Matt aus Tschechien und klage ihm mein Leid über meine nutzlose, da schlecht ausgestattete Küche. Er gibt mir den Tipp, mal einen Ausflug in den Second-Hand-Laden, finnisch Kirppis, zu unternehmen, dort gäbe es quasi alles. Ich nehme es mir für den nächsten Tag vor. Die Party löst sich gegen 2 Uhr auf, wer möchte geht los um einen der letzten Busse ins city centre zu erwischen und dort weiter zu feiern. Ich passe und gehe ins Bett.

Sonntags in der Sauna

Sonntag, 17.01.2016. Ich faulenze. Martin schreibt in der Facebookgruppe, dass er das gute Wetter nutzen und Skifahren will. Ich bin neidisch. Ich habe mich bereits informiert, ob man Skier leihen kann, aber dies über einen privaten Anbieter zu machen kostet 20€ pro Tag und der Unisport hat Leihskier noch nichts ins Programm aufgenommen, weil scheinbar für finnische Verhältnisse zu wenig Schnee liegt. Aha. Wie wohl viel Schnee in Finnland aussieht? Jedenfalls bin ich zu geizig die Wucherpreise zu zahlen, also muss ich auf mehr Schnee warten.

Irgendetwas muss ich aber heute auch noch machen. Die Jungs verabreden sich auf 16 Uhr um irgendein Juventus-Spiel zu gucken, ich bin nicht interessiert. Stattdessen verabrede ich mich mit Ingrid und Tereza zum Schwimmen. Es ist ein öffentliches Hallenbad mit Pool und Sauna und die Tageskarte kostet 3,30€. Klingt gut. Ich verabrede mich mit Ingrid, die ich an der Bushaltestelle getroffen habe, am Pool und gehe in die Umkleide. Das Treffen findet nicht statt, ich werde Opfer einer merkwürdigen finnischen Hausregel: NO SHORTS! Das zurate gezogene Internet spuckt irgendwelche Hygienegründe aus. Meine letzte nicht-Short-Badehose habe ich glaube ich in der 5. Klasse abgelegt. Also kein Durchkommen, das Schwimmen fällt aus. Ich gehe zurück in die Umkleide, ziehe meine Shorts wieder aus und gehe direkt in die Sauna. Nackt komme ich immerhin weiter. Die Saunen gehören zur Umkleide wie in Deutschland die Duschen, demnach herrscht Geschlechtertrennung. Es gibt eine milde und eine heiße Sauna. Ich wähle die heiße.

Drinnen ist es dunkel und voll. Der Raum ist komplett mit blauen Fliesen verkleidet, nur die Sitzgelegenheiten sind aus Holz, damit man sich nicht den Arsch verbrennt. Zwei der Finnen unterhalten sich, der Rest sitzt, schweigt und schwitzt. Im Raum stehen zwei große blaue Eimer, gefüllt mit einer Flüssigkeit und mit einem Werkzeug versehen, das eine Art Kreuzung aus Kehrblech und Schöpfkelle zu sein scheint. Ich bewege mich auf eine der Bänke zu, man bewegt seine nackten Ärsche zur Seite, ich setze mich. Nun offenbart sich die Bedeutung der Eimer. Während ich es aus deutschen Saunen gewöhnt bin, dass man sich in regelmäßigen Abständen trifft um einen ca. 10-minütigen Aufguss mitzumachen, ist in dieser Sauna IMMER Aufgusszeit. Wer gerade findet, dass es in der Sauna zu kalt ist (es herrschen ca. 90-100°C), der schnappt sich den Eimer und schüttet so viele Kellen Wasser auf die heißen Steine, bis es ihm warm genug erscheint. Ein kleiner Spoiler: Es ist niemals warm genug. Im Abstand von 30 Sekunden wird zum Eimer gegriffen, ein endloser Strom wohlig warmer Wolken zieht durch die Sauna. Zwischendurch fühlt es sich an, als würde die Haut kochen, ich atme flach. Nach ca. 10 Minuten kann ich nicht mehr, ich verlasse die Sauna Richtung Dusche.

Nach der Dusche habe ich das (deutschsaunabedingte) Bedürfnis, mich auf eine Liege zu fläzen und 30-60 Minuten zu entspannen und zu lesen. Ich werde enttäuscht, es gibt keine Ruhezone (wenn man wieder den Vergleich zur deutschen Dusche zieht, ergibt es ja auch Sinn). Vermutlich geht man zur Entspannung schwimmen. Oder so. Da ich nicht einsehe, dass mein Aufenthalt sich an dieser Stelle erledigt hat, gehe ich um entspannen in die milde Sauna. Ich fühle mich unwohl. Außer mir sitzen hier nur bärtige Männer mit ihren sehr kleinen Kindern. Quasi Sauna-light, das Kinderparadies. Da ich aber nicht weiß, wo ich sonst hinsoll, bleibe ich sitzen, schließe die Augen und versuche mich zu entspannen. Der Erfolg ist mäßig, aber ich kühle soweit runter, dass ich mich in der Lage sehe, wieder in die heiße Sauna zu wechseln. Ich halte kürzer durch als vorhin, was aber auch daran liegen kann, dass noch mehr aufgegossen wird. Ich fühle mich wie ein Hummer. Anschließend steige ich ins Eisbad, es tut gut, aber ich kann nicht lange drinbleiben. Eine letzte Runde in der heißen Sauna, duschen, anziehen und raus aus dem Laden.

Ca. eine Stunde hat mein Aufenthalt gedauert, ich bin entspannt und meine Durchblutung ist dermaßen in Schwung gekommen, dass ich auf dem Weg zum Bus weder Handschuhe noch Mütze brauche. Apropos Bus, hier lerne ich eine weitere Besonderheit Finnlands kennen. Dass die Busse nur halten, wenn man anhaltermäßig seine Hand rausstreckt, hatte ich bereits verstanden. An dieser Bushaltestelle bin aber der einzige Fahrgast, scheinbar reagiere ich zu spät, nämlich als ich den Fahrer sehen kann. Der Bus kommt ca. 50 Meter hinter der Haltestelle zum Stehen, ich sprinte hinterher. Die Tür geht auf, ein sehr wütend aussehender Busfahrer blafft mich in einer Sprache an, die ich nicht im Ansatz verstehe. Ich bedanke und entschuldige mich, schleiche an der Fahrerkabine vorbei in den Bus, er schimpft noch, als der Bus schon wieder fährt und ich auf meinem Platz sitze. Generell scheint jeder Mitarbeiter des ÖPNV in Helsinki vom Grinch persönlich ausgebildet worden zu sein, auch meine Kommilitonen haben schon solche Hasstiraden über sich ergehen lassen müssen. Ich komme zu Hause an und mache nichts mehr.